Therapie

Essen ist die beste medizin

 

Wenn ein geliebter Mensch von einer Essstörung betroffen ist, dann ist das für das ganze Umfeld eine sehr schwierige Situation. Je früher eine Diagnose gestellt und geeignete Therapien beginnen können, desto besser sind die Aussichten, wieder zurück in ein (symptom-) freies Leben zu finden.

«Food is medicine»

Essen ist die beste Medizin (die wir im Augenblick haben) –
die Rolle der Nahrung bei der Heilung von einer Essstörung.

Wenn eine Essstörung in eine Familie einzieht und ein geliebter Mensch davon betroffen ist, dann ist meist das offensichtlichste Symptom, das sich zeigt, sein sich zunehmend veränderndes Verhalten rund ums Essen. Oft kombiniert mit einem starken Bewegungsdrang.

Natürlich machen sich Angehörige Gedanken, was dieses Verhalten verursacht haben könnte und dafür gibt es meist viele Gründe, die einem in den Sinn kommen. Und das ist auch richtig, denn die Ursachen einer Essstörung sind immer vielfältig (man sagt multifaktoriell). Mehr dazu unter «Forschung»!

Aber der Auslöser (nicht die Ursache!), der den meisten Essstörungsformen vorangeht, ist ein Energiedefizit.

Das bedeutet, dass der Körper mehr Energie verbraucht hat, als ihm zugeführt wurde. Das passiert, wenn man z. B. eine Diät macht, oder sich übermässig viel bewegt ohne sich gleichzeitig ausreichend zu ernähren. Es kann aber auch ein traumatisches Ereignis oder einfach ein Wachstumsschub in der Pubertät oder ein Magen-Darm-Infekt der Grund dafür sein, weshalb man (unbewusst und ungewollt) an Gewicht verliert!

Wenn ein Gewichtsverlust oder eine Mangelernährung über einen längeren Zeitraum (sehr individuell zu sehen) besteht, versucht der Körper im Normalfall diesen Mangel auszugleichen und schnellsten zurück in seinen gesunden Gewichtsbereich zurückzukehren, damit er «seinen Menschen» optimal versorgen kann und er leistungsfähig und gesund bleibt. Das liegt in seiner Natur. Deshalb kennen wir den sog. Jojo-Effekt nach einer Diät!

Einige Menschen fühlen sich besser, wenn sie in ein Energiedefizit geraten! Mögliche, bereits vorhanden Ängste werden (kurzfristig!) reduziert.  Im Falle z. B. von Anorexie gelingt es nicht mehr ohne weiteres, aus dem Energiedefizit herauszukommen.

Ein essstörungsgesteuertes Verhalten beginnt und verstärkt sich selbst mit der Zeit und das Zurückkehren in einen gesunden Gewichtsbereich wird extrem erschwert.

Denn der/die Betroffene entwickelt (krankhafte) Angst vor Gewichtszunahme («fear of gaining weight» ein Hauptsymptom der Anorexie) und versucht durch Verhalten wie Hungern, extremes Bewegen, Erbrechen, Abführmittel, usw. das Zunehmen zu vermeiden.

Je mehr Zeit damit vergeht, je länger die Mangelernährung und der Gewichtsverlust andauern oder gar fortschreiten (individuell verschieden!), umso mehr wird das essstörungsrelevante Verhalten zu Mustern, die das Unterbrechen und durch ein gesundes Verhalten zu ersetzen immer schwieriger machen. Das Leben des/der Betroffenen wird vom essstörungsgesteuerten Verhalten zunehmend bestimmt.

 

 

Ein Teufelskreis beginnt aus Vermeidungsverhalten und neuro-biologischen Prozessen die im Gehirn, und im Körper stattfinden, sich gegenseitig beeinflussen und das Leben und die Gesundheit des Betroffenen massiv beeinträchtigen und gefährden. Das ist keine Wahl, sondern eine schwerwiegende psychiatrisch, metabolische Erkrankung, die im schlimmsten Falle tödlich sein kann. (siehe ausführlich dazu im «Forschungsbereich»)

ABER durch schnelles Eingreifen und Therapie sind schwere Verläufe vermeidbar und eine Heilung ist immer möglich. Heilung heisst bei Anorexie: Da Anorexie eine genetisch beeinflusste Erkrankung ist, bleibt lebenslang die Gefahr, aufgrund eines (wie auch immer entstehenden) Gewichtsverlustes die Krankheit erneut auszulösen (einen Rückfall zu erleiden). Selbst wenn die Symptome erfolgreich behandelt werden. Achtsamkeit und das Bewusstsein über mögliche Risikofaktoren sind daher von äusserster Wichtigkeit, um ein weitestgehend (symptom-) freies Leben führen zu können. Und das ist möglich, auch wenn die Krankheit schon lange besteht.

Quellen:

Artikel
«A biological trap for people prone to anorexia nervosa»

UNC Center of Excellence for Eating Disorders

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Most of the girls and boys find the period of negative energy balance unpleasant and can’t wait to break the diet and go out for pizza and ice cream. For a few, however, they find that they actually feel better under negative energy balance conditions. The diet feels good; they feel calmer. The anxious chatter in their heads diminishes enough to suggest that this might be an escape route from the pervasive discomfort with which they have been living. The positive biological reaction to negative energy balance lures them into continued and escalating dieting in a quest for the paradoxically improved sense of well being that it confers. It is simultaneously seductive and destructive. It is seductive because of the promise of calm and control it holds; it is destructive because it has the power to kill.

Cinthia Bulik, PhD. FAED

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«Food First»

Oberste Priorität, um Heilung überhaupt möglich zu machen, hat eine vollständige Gewichtsrehabilitation!

Das bedeutet: so schnell wie möglich zurück in den für jeden Menschen von Natur aus festgelegten natürlichen Gewichtsbereich (und der kann in allen Körpergrössen liegen!).

Und das bedeutet, das zu tun, wovor der/die Betroffene am meisten Angst hat: Essen, und zwar ausreichend, ausgewogen, regelmässig mit dem Ziel, in einen gesunden Gewichtsbereich zurückzukehren.

Eltern/Angehörige fühlen sich oft gezwungen, gegen ihre Intuition zu handeln und ihr Kind / ihren Angehörigen zum Essen zu bringen, selbst und gerade dann, wenn Widerstand am grössten ist und die Angst regiert!

Dieser erste und notwendigste Schritt, ein gesundes und ausgewogenes Essverhalten wieder zu erlernen, ist daher auch gleichzeitig der allerschwierigste Teil bei der Behandlung einer Essstörung; für den Betroffenen, für seine Angehörigen und auch für Fachpersonen, die den Erkrankten im Genesungsprozess unterstützen und begleiten.

Neben der krankhaften Angst vorm Zunehmen, erschweren zusätzlich die bei der Anorexie häufig auftretenden Symptome wie Körperwahrnehmungsverzerrung (sehen und empfinden sich selbst unrealistisch als zu dick) und Anosognosie (sich selbst nicht als krank wahrnehmen zu können) das Aufsuchen oder Annehmen von Unterstützungs- und Therapieangeboten. Oft steht der erkrankte Mensch der Therapie ambivalent (zwiespältig) gegenüber und Widerstand ist häufig eher die Regel als die Ausnahme!

Daneben verhindern oft auch auftretende Gefühle von Scham, Schuld, Überforderung, Hilflosigkeit und Angst auf Seiten der Betroffenen als auch auf Seiten der Eltern und Angehörigen leider viel zu häufig ein frühzeitiges, schnelles und umsichtiges Eingreifen!

Umso wichtiger finden wir daher die Aufklärung bezüglich Essstörungen und das Ersetzen von leider noch häufig bestehenden Mythen durch wissenschaftlich fundierte Fakten, damit eine Essstörung frühzeitig erkannt und behandelt werden kann!

Therapie beinhaltet in 1. Linie: Essverhalten zu normalisieren, um wieder zurück in ein gesundes Gewicht zu finden und Mangelernährung auszugleichen!

Und dafür braucht es Unterstützung!

Im Idealfall wird der/die Betroffene möglichst in seinem/ihrem gewohnten Umfeld von Eltern/Angehörigen/Partner unterstützt unter Anleitung und langfristiger Begleitung eines erfahrenen Therapieteams.

«You essentially dieted or ate your way into and you can’t talk your way out of it either. You really have to eat your way out of an eating disorder and that requires the right kind of nutritional guidance”

Download für Fachpersonen:

guidebook

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It is vitally important to completely recover nutritionally in the context of an eating disorder regardless of body shape or size. For Anorexia Nervosa, it’s vitally important to completely restore bodyweight to whatever it is your body naturally wanted to be.

Dr. Jennifer Gaudiani

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The «First 30 Days» - Hilfreiches Wissen für Angehörige nach der Diagnose!

Der Fokus der aktuellen Forschung beschäftigt sich zunehmend mit den Prozessen (z. B. von Neurotransmitter) und Gehirn-Systemen, die bei einer Essstörung betroffen sind und eine Art «Teufelskreis» auslösen. (siehe «Forschung»)

Erkenntnisse aus der Neurobiologie und anderen Wissenschaftsbereichen verändern die bisherige Sichtweise bezüglich Ursachen, Bedeutung und Verständnis von Essstörungen und haben in der Folge einen grossen Einfluss auf die Entwicklung und Weiterentwicklung von Therapien.

Für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeuten die Erkenntnisse Entlastung:

 «Familien haben keine Schuld an der Erkrankung und können in der Therapie die wichtigsten Verbündeten von Patienten und Behandlern sein» (siehe Wahrheit Nr.2)

Auch wir haben die Erfahrung gemacht, dass es von unschätzbarem Wert ist, sich nicht von Schuld oder Scham leiten zu lassen und so kostbare Zeit zu verlieren, sondern sich so viel als möglich Wissen über die Erkrankung anzueignen, um gemeinsam mit dem Therapieteam das erkrankte Familienmitglied bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen.

F.E.A.S.T. bietet neu einen wundervollen Service für Eltern, deren Kind an einer Essstörung erkrankt ist (erst kürzlich oder auch schon seit längerer Zeit darunter leidet!). «First 30 Days» ist bereits in einer Pilotphase erfolgreich gelaufen und hilft Eltern, sich in 30 Tagen (ein Mail pro Tag zu einem Thema, eingeführt durch ein Video von Eltern für Eltern und vielen Links) über Essstörungen, Therapie und Unterstützung schnell zu informieren. Fragen Sie uns, wir waren bei der Pilotstudie dabei und sind begeistert, denn… 

«If you know better, you do better»

Quellen:

Artikel
First 30 days: It’s all fo parents

 

F.E.A.S.T., Judy Krasna

“Informed Patients and Parents make a difference”

Informierte Patienten/innen und deren Angehörige/Partner machen den entscheidenden Unterschied in der Therapie und bei der Heilung von Essstörungen!

Wurde eine Diagnose gestellt, und das ist der erste wichtige Schritt bei der Behandlung einer Essstörung, sollte umgehend nach geeigneter Therapie gesucht werden und idealerweise ein Behandlungsplan und -Team aufgestellt werden. Dabei sollen «Menschen mit einer Essstörung bzw. Patienten/innen … immer nach dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens behandelt werden»

Von diesem Anliegen geleitet, haben Experten Ergebnisse von 57 weltweiten Studien (2273 teilnehmende Patienten) sorgfältig ausgewertet und Behandlungen, deren Nutzen nachgewiesen werden konnten, als wissenschaftliche Empfehlungen in die Patienten-Leitlinien zur «Diagnostik und Behandlung von Essstörungen» aufgenommen. Es «enthält das beste Wissen, das Experten aus der aktuellen Forschung ermittelt haben». (Stand 2015).

Sie richtet sich an Menschen, die an einer Essstörung erkrankt sind, sowie an deren Angehörigen/nahestehende Personen und professionelle Helfer.

In den Leitlinien wird ausdrücklich empfohlen, dass Patienten*innen und ihre Angehörigen fundierte Informationen zu der Erkrankung erhalten und entsprechend beraten werden.

 «Wir möchten Sie und ihre Angehörigen mit dieser Patienten-Leitlinie dazu ermuntern und auch dabei unterstützen, sich an allen Entscheidungen zu Ihrer Gesundheit zu beteiligen. Haben Sie keine Scheu davor, Ihrem Arzt oder Psychotherapeuten Fragen zu stellen. Sprechen Sie ruhig alles an, was sie nicht verstanden haben und was Sie ängstlich oder unsicher macht. Sagen Sie auch offen, wenn Sie sich nicht verstanden oder missverstanden fühlen.»

So finden Sie sehr übersichtlich und gut verständlich geschrieben wichtige Informationen über:

  • Formen, Ursachen
  • Begleiterkrankungen (Komorbidität),
  • Folgen
  • Wege der Behandlungen bei Essstörungen
  • Behandlungs-Settings, -Bausteine und -Ziele, jeweils zu den aufgeführten Essstörungs-Diagnosen
  • Infos, was Eltern/Angehörige/Partner tun können.

Downloads:

Patientenleitlinie
«Diagnostik und Behandlung von Essstörungen»
Universitätsklinikum Freiburg, 1. Auflage 2015