Liebe neurotypische Menschen, wir müssen dringend reden. Und zwar jetzt, nicht irgendwann. Mit „irgendwann“ können wir Neurodiversen nämlich nichts anfangen. Wir brauchen es genauer – um nicht zu sagen: ganz genau. Wisst Ihr, was mit uns passiert, wenn Ihr sowas bringt wie: „Ich melde mich dann irgendwann im Laufe des Tages“? Oder noch schlimmer: „Ich ruf Dich irgendwann an!“ oder „Im Laufe der Woche!!!“? Der Stillstand im Kopf Wir frieren ein, buchstäblich. Ihr macht mit Eurem Tag einfach weiter, unser Tag hängt fest. Nichts mehr geht. Das, was wir ursprünglich vorhatten, findet entweder gar nicht statt oder wir sind gedanklich abwesend und todesgestresst. Genauso ist es, wenn wir Termine außer Haus erst abends „aufgedrückt“ bekommen. Wenn der Flieger in den Urlaub erst spät geht oder der Termin erst am Nachmittag frei ist: Der gesamte Tag davor ist gelaufen. Was ist der „Waiting-Mode“ eigentlich? „Der ‚Waiting Mode‘ bei Autismus bezeichnet einen Zustand kognitiver Lähmung oder extremer Anspannung, der durch die Erwartung eines anstehenden Ereignisses ausgelöst wird. Dies führt dazu, dass Betroffene unfähig sind, andere Aufgaben zu beginnen oder sich auf sie zu konzentrieren. Die Ursachen liegen in einer Schwäche der exekutiven Funktionen, Zeitblindheit und Angstgefühlen/Anspannung.“ (KI, und KI hat es sehr gut getroffen) Wir sind nicht „unflexibel“ Ihr denkt, wir stellen uns an. Aber das entspricht nicht unserer Wirklichkeit. Wir haben ein anderes Hirn. Wir können auch mal spontan sein oder späte Termine wahrnehmen – wenn wir rechtzeitig wissen, wann genau. Was ist so schlimm daran, eine Uhrzeit zu nennen? Und vielleicht, nur wenn’s geht, zu texten, statt anzurufen? Planung schadet Euch auch nicht, aber uns rettet sie den Tag. Strategien: Was tun, wenn die Warteschleife droht? Wenn wir dem Waiting-Mode ausgesetzt sind, können wir versuchen, ihn aktiv zu managen oder ihm vorzubeugen:
  • Warteaufgaben-Liste: Erledigt Dinge, die wenig „Brain-Power“ brauchen (Aufräumen, Einkaufen, Malen, Musik, Podcasts).
  • Hyperfokus nutzen: Nutzt Eure Spezialinteressen, um die Zeit produktiv zu füllen.
  • Durchtakten: Legt Aufgaben lückenlos hintereinander bis zum Termin – am besten außer Haus (funktioniert nur bei ausreichend Energie und wenn der Termin vorher bekannt ist).
  • Bewegung: Spazierengehen oder Sport hilft fast immer, die körperliche Anspannung abzubauen.
  • Vorbeugen & Kommunizieren: Sagt Euren Leuten klar, dass „offene Dates“ nicht funktionieren. Wer Euch wichtig ist, wird darauf eingehen.
  • Optimierung: Arzttermine online buchen („so früh wie möglich“) und Flüge lieber individuell und morgens planen statt pauschal.
  • Wecker stellen: Bei Zeitblindheit (oft bei ADHS) helfen rechtzeitige Alarme, um nicht völlig den Bezug zum Moment zu verlieren.
Ein Schlusswort Am Ende geht es nicht darum, „schwierig“ zu sein oder die Welt um uns herum zu kontrollieren. Es geht um Barrierefreiheit im Kopf. So wie ein Rollstuhlfahrer eine Rampe braucht, brauchen wir klare Zeitangaben, um am Leben teilnehmen zu können, ohne mental auszubrennen. Wir müssen aufhören, uns dafür zu entschuldigen, dass unser Gehirn keine „Vielleicht-Schleifen“ verträgt. Wenn wir lernen, unsere Bedürfnisse klar zu kommunizieren – und gleichzeitig unsere eigenen Strategien gegen die Lähmung entwickeln –, wird der Tag wieder uns gehören. Wir sind keine Aliens. Wir takten nur anders. Und wer uns wirklich begleiten will, der lernt eben, die Uhr zu lesen, statt uns im „Irgendwann“ stehenzulassen. Danke!