Temperament, Charakter, Persönlichkeit

 

Das Thema Temperament Based Treatment (TBT) wird immer öfter angefragt. Ich habe zwar hier schon mal ein Video dazu gemacht, aber einigen ist Lesen offensichtlich lieber.

Vorweg: Für wen kommt diese Therapieform in Frage?

Für fast alle, egal bei welcher Problematik.

Um zu verstehen, wo TBT ansetzt, sollte man sich erstmal damit beschäftigen, was Temperament denn eigentlich ist und welche Abgrenzungen es gibt zu Charakter und Persönlichkeit.

Hier also ein grober Überblick über ein Thema, dass unzählige Bücher füllt.

Unser Temperament ist angeboren. Wir sprechen hier oft vom genetischen Phänotyp, also von einem Teil unserer Genetik, die mit der Umwelt in Verbindung steht und unsere Gene über Generationen hinweg geprägt hat. Das Temperament ist die unveränderbare Basis unserer Persönlichkeit und zeigt sich meist schon im Säuglingsalter.

Charakter beschreibt das, was unsere Kultur, unsere Erziehung, die Einflüsse von außen und unsere Erfahrungen mit unserem Temperament so anstellen. Diese Faktoren entscheiden darüber, ob wir z.B. bestimmte Eigenschaften zu unserem Vorteil nutzen oder ob wir sie gegen uns richten. Wir können zwar unser Temperament als Grundlage unseres Charakters nicht verändern, doch wir Menschen sind stets lernende Wesen mit einem plastischen Gehirn. Das ermöglicht es, unseren Charakter jederzeit gezielt und willentlich zu formen, allerdings nicht nur in die positive, sondern auch in die negative Richtung.

Was man nun unter Persönlichkeit versteht, da gehen die Meinungen auseinander. Letztendlich ist unsere Persönlichkeit die Summe aus Temperament und Charakter und dem, was wir in der Interaktion mit unserem Umfeld und unserer Umwelt daraus machen.

Entsprechend ist auch eine Persönlichkeit nicht starr, sondern formbar.

Es gibt unterschiedliche Persönlichkeitstests, die je nach Denkrichtung Menschen in verschiedene Kategorien einordnen. Ein sehr bekannter ist dieser hier: https://www.16personalities.com/de.

Auch über Persönlichkeitstests und Typen könnte man seitenweise Aufsätze schreiben, so viele Zusammenstellungen und Interpretationen gibt es hier.

Zusammenfassend die Gemeinsamkeiten:

Bezüglich des Temperaments unterscheidet man die

Extrovertierten und die Introvertierten,

die Denkenden und die Intuitiven,

die Entschlussfreudigen und die Flexiblen.

Dabei beschreibt extro-, versus introvertiert, wie jemand mit seinem Umfeld interagiert, wie er seine Aufmerksamkeit steuert und wie seine Verarbeitung funktioniert. Die Extrovertierten gehen dabei mehr nach außen, die Introvertierten bleiben eher bei- und in sich. Gruppenmenschen oder Redner sieht man eher bei den Extrovertierten, Erfinder und Menschen, die den Dingen gerne auf den Grund gehen und die gerne beobachten, gelten mehr als introvertiert.

Fokussierter versus intuitiver Stil bezieht sich darauf, ob jemand mehr die Details sieht (z.B. Autisten) oder das Gesamtbild. Das kann den Blick an sich betreffen, also das, was jemand sieht, wenn er etwas anschaut oder die Art und Weise, wie man Aufgaben angeht und bewältigt oder beides.

Ich zum Beispiel habe das typisch autistische, detailfokussierte Sehen, gehe Aufgaben aber immer ganzheitlich an. Mir geht´s um das Ergebnis, nicht darum, dass die einzelnen Schritte perfekt ausgeführt werden. Ich kann da sehr großzügig denken und handeln. Es ist sogar eher so, dass dieses „Kleinklein“ mich nervt. Auch bei anderen. Ich kann nicht mit jemandem eng zusammenarbeiten, der jeden Teilschritt x- mal wälzt, bis alles „perfekt“ ist.

Entschlussfreudigkeit bzw. Flexibilität sagt etwas darüber aus, wie entscheidungsfähig- und freudig jemand ist und auf welche Weise er seine Entscheidungen trifft. Direkt drauflos oder erstmal abwägen, neu überlegen, nochmal denken und nur entscheiden, wenn alles passt.

Diese Eigenschaften kann man dann wiederum bestimmten Grundverhaltensmustern zuordnen:

Demnach sind diejenigen, die eher das Gesamtbild sehen, die Herausforderungen mögen, die schnell zum Punkt kommen und ergebnisorientiert arbeiten und denken eher dominante Typen.

Die Ruhigeren, die keinen Stress mögen, die unterstützend sind und eher ein abhängiges Verhalten zeigen, sind die eher Standhaften.

Die enthusiastischen, optimistischen, die Gruppen und Gruppenarbeit bevorzugen, sind die Einflussreichen, die Führer

und

die, die Genauigkeit und Objektivität lieben, die den Dingen auf den Grund gehen und auf Details achten und häufig Angst haben vor Fehlen, sind die Gewissenhaften.

Das, was hier nun steht, sind die Prototypen der Eigenschaften, Charaktere, Persönlichkeiten mit ihren entsprechenden Mustern.

In Wirklichkeit haben wir alle etwas von allem. Welche Bereiche dabei dominieren und wie sie sich auswirken, hängt ab von unserer Genetik, unserer Sozialisation und nicht zuletzt den Gewohnheiten, die wir ausbilden.

Persönlichkeitsentwicklung ist schon lange ein boomender Industriezweig, mit hilfreichen aber auch gefährlichen Richtungen. Doch in Psychotherapien wurden Temperament und Charakter bis vor einigen Jahren weitgehend ausgeklammert. Wenn überhaupt, ging es vornehmlich darum, unliebsame Eigenschaften zu eliminieren. Autisten und auch Menschen mit Essstörungen können lange Geschichten erzählen, wohin das führen kann. Zur Besserung behindernder Gewohnheiten und/oder zur Heilung jedenfalls nicht. Denn wie soll man etwas loswerden, dass in die Gene geschrieben und im Laufe des Lebens geprägt wurde?

Temperament Based Treatment arbeitet nun mit den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen und nicht gegen sie.

Wie, das könnt Ihr im nächsten Beitrag lesen.

Gezielte und spezielle Fragen dazu werden noch bis Sonntag gerne angenommen.