Nur überschrieben, nicht gelöscht! Merke: AN-Verhalten kann man überschreiben, mehr oder weniger, aber nicht löschen. Es sei denn, man kriegt die Krankheit in ganz jungen Jahren ganz schnell weg. Betroffene, insbesondere Erwachsene, wissen, dass das so ist. Was noch da ist, ist mal mehr, mal weniger spürbar und kommt full force wieder, wenn man nicht aufpasst. Auch nach Jahrzehnten. AN ist wie Fahrradfahren: Wer das einmal kann, braucht einen Schlaganfall, um diese Fähigkeit im Hirn zu löschen. Und selbst das ist keine Garantie. Ansonsten kann man das Ding selbst dann noch sicher fahren, wenn man nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder draufsteigt. Ein krasses Beispiel, um das Prinzip der Habituation zu verdeutlichen. Diese Fakten zu vernachlässigen, sich zu sicher zu fühlen, das Offensichtliche zu verleugnen – das sind die größten Rückfalltrigger. Warum sollte man das vernachlässigen oder gar verleugnen? Weil es wahnsinnig anstrengend ist, die AN immer in Schach zu halten. Sich 24/7 bewusst zu verhalten. Der „Folterstimme“ zu widerstehen. Weil es, wenn man wirklich ehrlich ist, keine Situation gibt, in der man das Biest nicht spürt – mal mehr, mal weniger, manchmal auch ganz wenig, wenn es richtig gut läuft, was auch immer das heißt. Im Stress muss man essen, obwohl es das Letzte ist, was man will. In Ruhezeiten ist man zu unruhig, weil AN-Typen Ruhe nicht abkönnen. Kaum hat man Zeit für sich, hat man die AN im Ohr, jede/r seine/ihre ganz eigene Variante. Is(s)t man allein, hat man seine Routine, aber dann schlägt die Tendenz zu „zu wenig“ zu. Isst man nicht allein, stimmt die Uhrzeit nicht, der Inhalt, die Gesellschaft, die Geräusche – oder man hatte keine Zeit zum Sport, um sich die Pizza mit Freunden zu erarbeiten. À propos: Fitnessstudio gegenüber, super. Sport zum Spaß, man weiß eigentlich, was das bedeutet. Jedenfalls nicht jeden Tag rennen. Und auch nicht ab und zu einen Ultramarathon absolvieren, so dreimal im Jahr. Das ist schon ohne AN ein fragwürdiger Spaß, für Leute mit AN ist das auf jeden Fall ein Zeichen, dass die AN nicht Geschichte ist. Nur: Haltet das mal aus, mit der AN im Kopf. Ohne crazy movement. Wenn man nicht weiß, was man heute noch so alles essen muss. Wenn man nachher zu den Eltern fährt. Oder jemanden besucht, über mehrere Tage. Da muss man vorbeugen, dass man nicht auffällt, dass man sagen kann: „Hey, die AN ist kein Thema mehr, schau mal, wie viel ich essen kann“ (weil ich eine Woche gerannt bin und nichts gegessen habe). Jo. Bewegung sein lassen, vor allem in unsicheren Zeiten, ist anstrengender, als spontan Torte zu essen. Übrigens: Spätestens im Alter ist Abnehmen so gar nicht mehr der Punkt. Macht Falten. 😉 Es ist das Hirn, das über Jahrzehnte in x-fachen Wiederholungen gelernt hat, dass zu viel auf dem Teller der Tod ist. Und nur rumsitzen UND essen sowieso. Es hält für wahr, was wir tun. Also Fakt ist, das ganze AN Ding ist unfassbar anstrengend. Und irgendwie ist immer irgendwas noch da. Und irgendwann kommt ein Punkt, an dem man spürt, dass die Restriktionen der AN übergegangen sind in die Limitationen eines AN-freien (AN-armen) Lebens. Man kann nicht machen, was und wie man will, wenn die AN leise bleiben soll. Man ist nicht wie die anderen, gehört nicht dazu, wenn man den Recovery-Regeln folgt. Will man nicht. Verdrängt man. Schiebt man weg. Je jünger, umso mehr. Weil man noch nicht gefestigt ist, weil man noch mehr die anderen im Kopf hat, weil man noch beeinflussbarer ist als „im Alter“. Man will einfach jung sein dürfen, tun können, was alle tun. Doch eines Tages spürt man, dass das nicht hinhaut. Vielleicht macht man die Erfahrung zum ersten Mal, vielleicht auch nicht. Leider lernt man aus AN-Rückfällen nicht zwangsläufig, den nächsten zu verhindern. Habituation überschreibt Erfahrung. Und dann steht man da und hat keinen Plan. Weil egal, was man weiß, egal, wie oft es schon so war – im Kopf kann man sich nicht vorbereiten. In dem Moment, in dem man sich eingesteht (verstehen/merken tut man das sehr schnell), dass man wieder ein Problem hat, hat man schon so viel AN-Verhalten reaktiviert, dass man nicht mehr so leicht rauskommt aus der Nummer. Schlimmer noch: Man fühlt sich endlich wieder ganz. Weil man die AN kennt, besser als das Nicht-AN-Gefühl. So schön vertraut. Die Benefits sind auch wieder da. Die Komplimente für die Disziplin. Vielleicht war man in einem für einen selbst inakzeptablen Gewichtsbereich, weil man daheim nicht auskam. Den Überschuss ist man ratzfatz los. Plus X. Und jeder findet es toll, weil dünn = wertvoll. Was für ein Booster für den Selbstwert. Das Hungerhoch, da ist es wieder. Leistungsfähig wie lange nicht mehr. Weg ist die Lethargie und die Schwere. Und das Minderwertigkeitsgefühl. Alles supi. Man traut sich wieder unter Leute. Fotos: Kein Thema. An Essen denken tut man eh nie. Is klar! Man ist viel zu beschäftigt mit dem Leben. Die AN ist Geschichte. Ironie, Leute. Anders ausgedrückt: Man verarscht sich nonstop. Aber hey, YOLO. Reden wir noch mal genauer über das Leben an sich, und was das so macht, und warum das so rückfallbehaftet sein kann, befreit von Argusaugen und strengen Elternstimmen. „Kannst du das Bisschen jetzt nicht auch noch aufessen?“ „Gehst du schon wieder zum Sport?“ Ausgezogen. Zum Glück, endlich. Leben. Und dann kommen die Aufgaben, die man vorher nie bewältigen musste. Überforderung pur. Die kriegt man nur hin, wenn man nüchtern ist. Kann keiner von einem verlangen, dass man „gegessen“ aufs Amt geht. Oder zum Job. Unter die Menschen ohne AN (weiß man’s?). Die sich erdreisten, nicht zu frühstücken, obwohl das für ANs Regel Nummer 1 von mindestens 5 ist. Wie sieht das denn aus, wenn die auf Arbeit oder in der Uni nichts essen und/oder davon reden, dass sie nie frühstücken, und man selbst haut sich ein Porridge rein? Versager vor dem Herrn, sagt die AN. Gesehen werden ja, aber bitte nicht beim Essen. Die Kollegin geht immer laufen vor dem Job/vor der Vorlesung. Nüchtern, versteht sich. Wenn die das darf, mache ich das auch, denkt man. Und dann ist man ungefrühstückt und „ausgelaufen“ in der Arbeit oder im Hörsaal, und es passiert Folgendes: Gemeinsames Mittagessen zu einer Zeit, zu der man sonst nie essen würde. X hat was Veganes dabei. Y hat gar nichts dabei, wegen eating only once a day. Z muss noch eine halbe Stunde warten, weil das 16-Stunden-Zeitfenster noch nicht rum ist. Und die beste Freundin macht Diät. Da kann man nicht undiätet daneben sitzen. Da muss man beweisen, dass man das mindestens so draufhat. Jedenfalls nimmt man nichts Essbares mit zur Arbeit/Uni, weil man schließlich nicht weiß, was passieren wird. Könnte sein, dass jemand auf die Idee kommt, Pizza zu bestellen. Oder in die Kantine zu gehen. In diesem Fall ist man echt froh, nicht gefrühstückt zu haben und laufen gewesen zu sein. Überhaupt, wie gesagt: Was alle machen, kann doch nicht krank sein. Und genau das ist das Dilemma. Es ist maximal schwer und maximal anstrengend, in unserer essgestörten und figurbessessenen Gesellschaft die AN leise zu halten. Man braucht sehr viel Selbstwert- und Selbstbewusstsein, das man nicht ziehen darf aus einer Figur-, Sport- und Lern-/Produktivitätsidentität, weil diese Anteile maximal mit der AN verbunden sind. Auch das mag man sich nicht eingestehen als Betroffener. Was man einsieht, macht eine Dissonanz, wenn man es nicht ändert. Dann hat man zu dem Widerspruch, AN-frei leben zu wollen, aber sich nicht AN-frei verhalten zu wollen/zu können, auch noch den Besserwisser im Kopp, der sagt: „Warum änderst du nichts, wenn du es schon weißt?“ Clusterfuck. Gibt kein besseres Wort dafür. 1. Commitment: Wer sich nicht zu einem AN-freien/-armen Leben bekennt, der wird es auch nicht haben. Commitment heißt: Egal was passiert, die Essensregeln gelten. Die Sportregeln auch. Es wird nicht gefastet, weil man vielleicht noch was essen muss. Oder weil irgendwer Diät macht. Man wird nicht vegan, weil der Kollege sich so ernährt. Man rennt keine Ultramarathons und hebt nicht täglich Gewichte. Und lernen nonstop ist auch keine Lösung. Man hält mal Ruhe aus. Und ne schlechtere Note, that is life! Man bleibt bei seinen Regeln, egal, was ist. Verdammt schwer, jede/r Betroffene weiß das. Es ist aber der einzige Weg. Die gute Nachricht ist, dass es definitiv leichter wird mit der Zeit. Vorausgesetzt, man baut keine Ausreißer. Das Hirn lernt das. Das ist mit Überschreiben gemeint. Es funktioniert. Als Erwachsener ist vor der AN nicht mehr nach der AN (mag Ausnahmen geben), aber man kriegt es gut hin. Nur: Wer hier lockerlässt, wer das nicht in sich eingebrannt hat oder nicht dazu bereit ist, dem zu folgen, der beachte Punkt 2. 2. Selbstehrlichkeit Wer nicht völlig absaufen will, früher oder später, der muss aufhören, sich schöne Stories zu erzählen. Was ihr anderen erzählt, ist euer Ding. Aber euch selbst dürft ihr nicht verarschen. Wer sich AN verhält – und alle, die die Krankheit kennen, wissen, was gemeint ist –, der ist auch AN. Fertig. Und dann trefft eine Entscheidung. 3. Wie weit darf die AN gehen? Wer AN bleiben will, der muss das genauso bewusst entscheiden wie die, die es nicht wollen. Und dann definiert euer Ziel. Was wollt ihr erreichen im Leben, und wie geht das mit AN? Was ist dann euer Limit für die AN? Wie wenig ist zu wenig? Wie viel Sport ist zu viel Sport? Wie viel Produktivität ist zu viel Produktivität? Haltet euch an eure Grenzen, wenn ihr halbwegs leistungsfähig und gesund bleiben wollt. Zusammengefasst lässt sich sagen: Der größte Rückfalltrigger ist die schleichende Arroganz der vermeintlichen Heilung. Es ist der Moment, in dem wir glauben, die Regeln der Krankheit für einen kurzen Moment ignorieren zu können, weil wir uns „sicher“ fühlen. Doch die AN schläft nicht, sie wartet nur auf den Moment, in dem wir die Tür einen Spaltbreit offenlassen. Wahre Freiheit bedeutet hier paradoxerweise nicht, tun zu können, was man will, sondern die eigenen Grenzen so eisern zu verteidigen, dass das Biest keinen Platz zum Atmen findet. Wer gesund bleiben will, muss akzeptieren, dass er ein Leben lang anders essen und leben muss als die anderen – um am Ende doch mehr vom echten Leben zu haben als jene, die sich im Hungerhoch verlieren. Am Ende gehört zur Wahrheit aber auch, dass man als Erwachsener die volle Eigenverantwortung trägt, auch für die radikale Entscheidung, die AN als Teil seines Lebens zu behalten und mit den daraus resultierenden Konsequenzen und Limits zu leben.