Autismus oder komplexes Trauma (K PTBS) – Ein kurzer Wegweiser
- Die Verwechslungsgefahr: Von außen sehen sie sich oft ähnlich (Reizüberflutung, Rückzug, soziale Hürden), doch die Wurzeln sind verschieden.
- Angeboren vs. erworben: Autismus ist das angeborene neurologische „Betriebssystem“ (das Wie), K-PTBS ist die Reaktion auf schwere und beständige seelische Verletzungen und/oder Vernachlässigungen (das Was).
- Die Maskenfalle: Wer als Autist versucht, „normal“ zu sein, riskiert durch ständiges Maskieren ein komplexes Trauma. Wer ein komplexes Trauma hat, maskiert, um seine tiefe Scham zu verbergen.
- Der entscheidende Unterschied: K-PTBS ist heilbar, Autismus ist eine Identität.
Autismus oder K-PTBS: Je mehr wir über diese beiden Konditionen wissen, umso mehr fragen sich Diagnostiker, Autisten und von komplexem Trauma Betroffene: Was ist was – oder ist da vielleicht beides?
Auf den ersten Blick ist das schwer zu sagen. Ein Mensch, der zum Beispiel im Restaurant panisch wird, kann ein Autist sein, dessen sensorische Kanäle gerade unter der Last von 85 verschiedenen Frequenzen kollabieren. Es kann aber auch ein Mensch mit K-PTBS sein, dessen Nervensystem das Klirren der Gabeln als Warnsignal für eine drohende Gefahr interpretiert.
Das Chamäleon-Dilemma
Das Problem an der Sache? Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil: Wenn wir davon ausgehen, dass Autismus bedeutet, mit einem „Betriebssystem“ in eine Welt geboren zu werden, die für eine völlig andere Hardware gebaut wurde, dann sind chronische Überforderung und Frustration vorprogrammiert.
Wer kompensatorisch maskiert, wer so tut, als wäre er wie alle anderen, wer unkompliziert sein will, um ja nicht anzuecken in dieser unerklärbaren Welt – wer also sein Selbst „ermordet“, um dazuzugehören –, der lebt in einem permanenten Zustand der existenziellen Bedrohung. Der wird nicht für das geliebt, was er/sie ist, sondern für die Maske, die er/sie trägt. Das kann zum Nährboden für ein komplexes Trauma werden. Kann, nicht muss. Denn selbstverständlich gibt es Autisten, die entweder mit einer hohen Widerstandskraft geboren werden, die sie vor dem Gefühl der Ausgrenzung schützt, oder die unter Bedingungen groß werden, die ihre Stärken so fördern, dass diese überwiegen. Oder beides.
Die Faustregel lautet: Autismus ist das Wie (wie ich die Welt wahrnehme), das Trauma ist das Was (was mir aufgrund dieser oder anderer Umstände widerfahren ist – oder was ich nie bekommen habe).
Der Unterschied liegt im Detail
(Die folgenden Aufzählungen sind nicht vollständig, doch sie sind die wesentlichen Merkmale und Unterschiede beider Zustände.)
- Ursprung: Autismus ist angeboren, K-PTBS ist erworben. Das heißt: Autismus ist nicht „heilbar“, K-PTBS hingegen schon (wenn auch oft schwer und langwierig). Problem: Autismus zeigt sich immer im frühen Kindesalter, K-PTBS zeigt sich oft im frühen Kindesalter (=Bindungstrauma)
- Soziales: Ein traumatisierter Mensch zieht sich oft aus Angst vor Ablehnung oder Verletzung zurück. Die Sehnsucht nach Bindung ist riesig, aber die Angst ist größer. Manche Menschen mit K-PTBS dagegen können absolut nicht allein sein; sie brauchen andere, um sich selbst zu regulieren. Nicht allein sein zu können, ist kein autistisches Phänomen – Einsamkeit dagegen sehr wohl. Die Reizüberflutung oder das Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht mithalten zu können mit dem Tempo und dem Tun der nicht autistischen Menschen, das ist hier die Ursache für Rückzug, nicht zwingend die Angst vor dem Gegenüber. Autisten meiden Menschen auch, um ihre „Batterien“ nicht überzustrapazieren.
- Interaktion und Kommunikation: Für Autisten ist der Austausch erschwert, weil sie u.a. Mimik schwer lesen können oder Ironie nicht verstehen, und „emotional abholen“ liegt ihnen nicht. Sie sind sehr sachbezogen. Menschen mit K-PTBS hingegen sind hauptsächlich in ihren Emotionen, sie suchen oft unbewusst nach Zeichen, die ihr Misstrauen bestätigen oder ihr negatives Selbstbild spiegeln („Ich bin nicht liebenswert“), und interpretieren schnell etwas in andere hinein, das nicht da ist. Sie fragen sich: „Was denkt er gerade? Ist er sauer? Habe ich was Dummes gesagt?“ versus das eher autistische „Um was geht´s? „Was ist hier eigentlich der Subtext?“
- Routinen: Bei K-PTBS geben Routinen Sicherheit in einer als bedrohlich erlebten Welt. Fällt die Struktur weg, kommt die Angst. Ist die Angst zu groß, wird die Routine schnell zum Zwang. Für Autisten sind Routinen eher kognitive Abkürzungen. Fällt die Routine weg, entsteht oft weniger Angst als vielmehr funktionales Chaos im Kopf – als müsste man spontan einen IKEA-Schrank ohne Anleitung aufbauen.
Erwachsene können in der Regel sagen, ob sie zum Beispiel Menschen aus Angst vermeiden, eine böse innere Stimme haben oder ob sie schlichtweg immer wieder am Subtext verzweifeln und einfach den Sinn darin nicht verstehen, was andere tun. Meist besteht eine klare Tendenz in eine Richtung, die schon Hinweise geben kann auf das zugrundeliegende Problem.
Tatsächlich ist es existenziell wichtig, so genau wie möglich zu unterscheiden, ob ein Verhalten angeboren oder erworben ist oder eine Mischung aus beidem. Eine Autismus-Diagnose (oder ADHS) ist nur dann wirklich valide, wenn vorher andere Problematiken ausgeschlossen wurden – insbesondere jene mit großen Symptom-Überschneidungen. Wer die Diagnose Autismus bekommt, behält sie ein Leben lang. Das kann Vorteile haben, aber keinesfalls immer. Wenn jedoch Symptome bestehen bleiben, trotz Behandlung zugrunde liegender Traumata, lohnt sich der Weg zur Diagnostik, sofern dies gewünscht ist.
Das Ziel einer Diagnose sollte nicht sein, ein Label zu besitzen oder „normal“ zu werden. Es geht darum, zu wissen, was ist und Möglichkeiten zu finden, um Glaubensmuster und Verhaltensweisen zu heilen, die die Sicht auf das eigene Selbst verstellen.
Ob Autismus, Trauma oder beides: Komplexes Trauma kann man heilen. Und Autisten können wachsen, sich entwickeln und sich entscheiden, ihre Anpassungsmechanismen fallen zu lassen, um zu ihrer wahren Identität zu stehen und damit ihr Trauma zu beenden.
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